Nicht richtig lesen und schreiben können

Die Schule war in dem Heim, wo ich aufgewachsen bin. Da lernte man die Bibel in-  und auswendig. Das kleine Einmaleins kannte ich nicht und wir lernten auch nicht mit Geld umzugehen. Denn alles was Geld kostete, wurde uns vorgesetzt.

In dem Heim wurde mehr darauf geachtet, dass wir höflich zu älteren Menschen waren. Ich kannte meine Eltern nicht. Die Kinder und Erwachsenen waren meine Familie.

Solange, wie ich in dem Heim wohnte, hatte ich keine Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Ich bekam, wenn andere Kinder draußen spielten, Nachhilfeunterricht, damit ich mit dem Schulstoff mitkam. Als ich in der 5. Klasse war, war ich so gut, dass ich ein halbes Jahr früher als die anderen in die 6. Klasse versetzt wurde. Zuerst war ich sehr glücklich darüber, aber es war mein Untergang. Ich bin überhaupt nicht mehr mitgekommen. Das machte mich krank. So krank, dass ich an die Ostsee zur Kur geschickt wurde. Daher war ich 6 Wochen lang nicht in der Schule. Kam aber gesund wieder. Nun überlegte man, ob ich wieder in die 6. oder in 5. Klasse gehen soll. Es wurde entschieden, dass ich in die 5. Klasse gehen sollte. Darüber habe ich mich gefreut, denn dort waren ja meine Freunde und meine Lieblingslehrerin. Es fiel  mir aber nicht leicht, den Anschluss zu finden.

Die Probleme wurden immer größer. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren.

Mit 12 Jahren lernte ich meine Mutter kennen. Sie und ihr Mann holten mich aus meiner Geborgenheit heraus. Meinte Mutter konnte sich nicht entscheiden, in welche Schule in nun gehen sollte. Ich sagte zu ihr „Lass mich doch weiter in meine alte Schule gehen. Da kenne ich alle, und sie kennen mich auch.“ Sie fragte nach, aber es wurde ihr gesagt, dass der Weg zu dieser Schule zu weit für mich wäre. Die Verantwortung wollten sie nicht übernehmen. So blieb 1 Jahr zu Hause. Danach ging ich wieder in eine Schule. Dort langweilte ich mich sehr, denn ich kannte schon den Stoff, der dort durchgenommen wurde. Ich spielte Karten unter dem Tisch, das hat keinen interessiert. Die Schule hat mir gefallen, aber trotzdem war ich nicht in der Lage, richtig zu lernen.

Ich bin 12 Jahre ich die Schule gegangen, und habe mein Bestes gegeben. Aber das Beste geben, half eigentlich überhaupt nichts.

Mit 18 Jahren wollte ich gern arbeiten, aber man gab mir keine Chance. Ich bekam keine Lehrstelle und auch keinen Job. Manchmal wünsche ich mir, dass man schon mit einer Ausbildung geboren wird… Mich ärgert es, dass Menschen mit einer Schreibschwäche in unserem Land keine Chance bekommen und scheinbar auch nicht bekommen werden. Ich wünsche mir, dass man den Menschen die jahrelang zur Schule gegangen sind eine Chance gibt, einen Beruf zu lernen. Damit, wenn sie Eltern sind, ihren Kindern helfen können und auch die Menschen ohne Kinder selbständig leben können, und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

Ich komme mir oft vor, als würde ich nicht richtig dazu gehören. Das Leben in unserer Gesellschaft ist beschissen, wenn man Hartz IV bekommt und jeden Cent umdrehen muss.

Die Probleme fangen ja schon beim Ausfüllen der Dokumente auf dem Amt an. Würden mehr Menschen das Problem An-Alphabetismus kennen und erkennen, würde ich mich in unserer Gesellschaft wohler fühlen. Das Jobcenter würde uns dann keine Jobs mehr für1.50€ geben, sondern richtige Arbeit, die uns gefällt und wo man gut Geld verdienen kann und ohne Hilfe vom Amt leben kann.

Ich kann sehr viele Dinge, die ich gern zeigen und machen würde. Ich habe auch eine Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht. Die Prüfung habe ich mündlich machen dürfen und alles auswendig gelernt. Ich habe die Prüfung bestanden. Aber ich kann in dem Beruf nicht arbeiten, weil ich aufschreiben müsste, was ich mit den Patienten mache und wie es ihnen geht. Das kann ich nicht. Aber ich könnte alles andere machen in dem Beruf, wenn man mich lassen würde.

Autor: AG Teilhabe

Advertisements