Unterwegs beim Einkaufen für einen Kuchen!

Ich will einen Kuchen backen.

Es ist schwer, weil ich mir ja keinen Einkaufzettel schreiben kann. Ich muss mir alles einprägen. Das heißt, ich merke mir, wie was aussieht und klingt. „Geht das denn?“ fragt ihr euch. Klar geht das. Denn Backpulver und Vanillezucker klingen nicht gleich, wenn man sie schüttelt.

Nun mal los zum Einkaufen. Ich bin im Laden und versuche mich daran zu erinnern, was ich brauche und wie es aussieht. Dabei habe ich ein Scheißgefühl immer wieder aufs Neue, weil hier keiner weiß, dass ich nicht lesen kann. Das muss auch so bleiben, denn sie würden es nicht verstehen.

Alle können lesen, alle waren in der Schule! Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, Schwierigkeiten im Lesen zu haben! Und scheinbar glaubt niemand, dass es Menschen wie mich gibt.

Ich brauche noch Milch. Das ist eine blaue Packung, wo ein Glas weiße Milch drauf ist. Ich muss aufpassen, denn es gibt ja die mit 1,5 % Fett und die 3,5 %ige. Ich brauche die mit 3,5% Fett. Das ist auch das, was mir dabei hilft, die Milch zu erkennen. Die 3,5 ist eine kleine Zahl, aber so eine große Hilfe für mich. ‚Eier habe ich zu Hause.’ denke ich, als mich plötzlich eine Frau fragt, ob ich wüsste, wo die Bratensoße sei. Verdammt! Panik macht sich in mir breit. ‚Was soll ich sagen? Dass ich es nicht weiß oder dass ich nicht lesen kann? Dass ich nicht mal weiß, wie die Packung aussieht?’ frage ich mich. Ich sage ihr, dass ich ihr leider nicht helfen kann und wende mich wieder meinem Einkauf zu. Verdammt! Das ist einer der Momente, die ich hasse, weil sie mich total überfordern.

Und da ist auch schon mein nächstes Problem! Ihr fragt euch, was das für ein Problem ist? Die Frage der Frau hat mich sehr durcheinander gebracht. Deswegen habe ich jetzt vergessen, was ich brauche und so doll ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Alles nur weil ich immer so eine Panik  habe, wenn so etwas passiert. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es ist immer so. Nun habe ich das Gefühl, wieder versagt zu haben. Ich gebe auf und gehe zur Kasse, bezahle mein Einkauf, mit dem Wissen, dass ich nicht alles habe, was ich einkaufen wollte.

Zuhause angekommen schmeiße ich alles hin und ärgere mich über mich selbst. Es muss doch etwas geben, was ich machen kann, damit ich es leichter im Leben habe. Da fällt mir ein, dass ich mal über so einen Verein gehört habe, wo ich das Lesen lernen kann. Ich horche mich um. Beim Arbeitsamt helfen sie mir. Sie geben mir die Adresse mit der Telefonnummer.

Am nächsten Tag rufe ich dort an und bekomme einen Termin. Ich freue mich darüber aber habe auch Angst. ‚Wie sind die Leute da und was wird von mir erwartet?’  Fragen über Fragen, die mir im Kopf rumschwirren. Was soll ich euch sagen? Heute bin ich dort und lerne lesen und schreiben und auch viele Menschen kennen. Alle sind liebe Menschen und helfen, wo sie können.

Und so habe ich schon eine Menge gelernt. Auch das Einkaufen ist nun kein Problem mehr. Das ist das Beste, was mir passieren konnte in meinem Leben.

Autor: AG Teilhabe

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