„Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe“

(Text zum Thema: Gesundheit und An-Alphabetismus, Lesung am 03.09.2012, bei AWO-Sifahane)

Ich habe einen Arzttermin und so viel geht mir wieder durch den Kopf. Hoffentlich ist da eine Arzthelferin, die nett ist. Und wie ist Arzt? 

Ich komme beim Arzt an und habe schon wieder Lust zu gehen, weil in mir die Angst hoch kommt, mich wieder zu Erkennen geben zu müssen, weil ich nicht lesen und schreiben kann. Da bekomme ich auch schon den Fragebogen, weil ich ja neu bei diesem Arzt bin. Die Arzthelferin guckt mich wieder mit diesem Blick an „Kann sie das nicht? Ist wohl zu doof dafür oder hat keine Lust dazu.“ Diese Blicke machen mir immer Angst. Ich weiß nicht, ob sie genau so denkt, aber wenn sie da so sitzt wie „7 Tage Regenwetter“- was soll ich da sonst denken?

Ich gehe ins Wartezimmer und gucke den Fragebogen voller Angst an. Nach einer halben Stunde habe ich erst meinen Namen geschrieben und nicht mehr. Da höre ich auch schon meinen Namen, den die Arzthelferin ruft. Ich weiß auch schon, was gleich kommt: die Frage, ob ich fertig bin mit dem Ausfüllen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meine Beine sagen mir: „Lauf weg und drehe dich nicht um“, aber mein Kopf sagt: „Bleib hier und bitte um Hilfe!“. OK, ich nehme allen Mut zusammen und bitte die Arzthelferin darum, mir zu helfen. Da kommt die Frage, die ich hasse: „Können sie nicht lesen?“ –  „ Nein, und schreiben kann ich auch nicht“ sage ich. „Waren Sie nicht in der Schule?“ fragt sie mich weiter. Ich habe jetzt so eine Angst, dass mir schon die Tränen laufen. Anstatt es nun sein zu lassen, kommt es noch schlimmer, denn sie sagt: „ Das ist kein Grund, zu heulen. Haben Sie sich nicht so, war ja nur eine Frage.“ Woher will sie wissen, ob das ein Grund zum Weinen ist? Sie hat ja nicht das Problem und sie wird auch nicht so unsensibel behandelt, wie sie es gerade mit mir  tut. Zähneknirschend hilft sie mir den Fragebogen auszufüllen, wobei ich ihr anmerken kann, dass sie keine Lust dazu hat. Gut, nun habe ich das hinter mich gebracht und gehe wieder ins Wartezimmer. Die Zeit kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich meinen Namen wieder höre.

Ich gehe in das Behandlungszimmer und warte auf den Arzt, der ein paar Minuten später kommt. Er sagt mir guten Tag und fragt mich, was ich habe. Ich erzähle ihm, warum ich da bin und wo es mir weh tut. Ich erwähne auch gleich so nebenbei, dass ich nicht lesen und schreiben kann, da ich nicht noch mal das Gleiche durchmachen will, wie eben mit der Arzthelferin. Zu meinem Erstaunen lacht er nur und sagt: „ Ich habe kein Problem damit.“ Ich bekomme große Augen, denn damit habe ich nicht gerechnet. Ich erzähle ihm,  was ich im Wartezimmer mit der Arzthelferin durchmachen musste. Ich sage ihm, dass es schön wäre, wenn sie nur ein bisschen Mitgefühl für uns hätte, denn wir sind ja nicht doof, sondern haben nur eine Schwäche wie andere auch. Er verspricht, sich darum zu kümmern.

Als ich das nächste Mal beim Arzt bin, entschuldigt sich die Arzthelferin. Seitdem ist sie immer nett zu mir.

Wenn es eine Schulung für Arzthelferinnen und Ärzte gäbe, wo sie uns und die Tatsache, dass es uns gibt, kennenlernen würden- würden sie lernen, mit uns umzugehen- vieles wäre dann einfacher.

Autor: AG Teilhabe

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